Die Naziszene in Nordwestmecklenburg

Dass die Nachwuchsnazis der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) am 20. Oktober ausgerechnet in Wismar aufmarschieren wollen, überrascht bei näherer Betrachtung der Verhältnisse in der Hansestadt wenig. Sie gilt schon lange als rechte Hochburg im Westen des Bundeslandes. Anders sah es lange im angrenzenden Altkreis Nordwestmecklenburg aus – dieser war für hiesige Verhältnisse eher „Entwicklungsgebiet – doch auch das hat sich in den letzten zwei Jahren geändert.

Die Freie Kameradschaft Wismar im März 2012 in Lübeck

Hansestadt Wismar – Rechte Hochburg im Wandel

Rechter Angriff aus dem "Werwolfshop", der inzwischen geschlossen ist

Dass die Hafenstadt ein eklatantes Neonaziproblem hat, war für örtliche AntifaschistInnen schon in den 1990er Jahren offensichtlich. Auch den zahlreichen Betroffenen rechter Gewalt muss es wie Hohn erschienen sein, wenn die Stadtverwaltung die Präsenz von Neonazis immer wieder leugnete. Schon im September 1992 kam es im Neubaugebiet Friedenshof zu einem fünftägigen Pogrom gegen ein Flüchtlingsheim. Im Juli 2000 wurde in der Stadt ein 52-jähriger Obdachloser totgeschlagen und im April 2006 wurde ein 39-jähriger Mann aus Togo so schwer misshandelt, dass er längere Zeit stationär behandelt werden musste. Überregional bekannt wurde die Gewaltbereitschaft der örtlichen rechten Szene jedoch erst, als im August 2006 mit Baseballschlägern bewaffnete Neonazis aus dem damaligen Szenetreff „Werwolfshop“ stürmten und versuchten, eine antifaschistische Demonstration anzugreifen. In kürzester Zeit verbreitete sich ein Video, das eine Gruppe aufgeputschter Schläger zeigt, die durch die anwesende Polizei erst mit entsicherten Dienstwaffen gebremst werden können. Nun konnte auch die Stadtverwaltung die offensichtlichen Probleme nicht mehr leugnen und versuchte ab 2007, mit der Imagekampagne „Wismar – Neugierig. Tolerant. Weltoffen.“ den angeschlagenen Ruf der Touristenstadt Wismar aufzupolieren.

Gewalt und Geschäfte – auf diese Formel ließ sich das Agieren der rechten Szene in Wismars lange Zeit reduzieren. Als Kopf dieser eher subkulturell geprägten Kreise galt der aus Lübeck zugezogene  Philipp Schlaffer. Er hatte schon vorher eine längere Karriere in der rechten Musikszene hinter sich und galt als umstrittener Geschäftemacher, gegen den zwischenzeitlich sogar Boykottaufrufe kursierten. Diese Vergangenheit holte ihn im Oktober 2006 ein, als er von Berliner Neonazis in seiner Wohnung wegen „alter Rechnungen“ überfallen wurde.

2007: Während ein Teil der BesucherInnen aus der Wolfshöhle II unten gegen die Antifa-Demo pöbeln, wird von oben mit "Zwillen" geschossen

In der Hansestadt sorgte er jedoch für einen enormen Aufschwung der örtlichen Szene, die sich  mit der „Wolfshöhle“ auf dem Gelände eines ehemaligen Holzhandels ihren ersten eigenen Konzert- und Veranstaltungsraum schuf. Innerhalb kurzer Zeit folgten der Szeneladen „Werwolfshop“ mit angeschlossenem Onlinehandel und das Tattoostudio „Needle of Pain“. Schließlich etablierte sich in der Innenstadt ein „nationales Wohnprojekt“ mit Kneipe und Proberäumen – genannt „Wolfshöhle II“. Als AntifaschistInnen im April 2007 erneut in Wismar demonstrierten und die Schließung der zahlreichen Nazitreffpunkte forderten,wurden sie aus diesem Haus mit sogenannten „Zwillen“ beschossen.

Politik spielte in dieser Szene eher eine Nebenrolle. Versuche der wenigen örtlichen NPD-AktivistInnen, größeren Einfluss zu erlangen, blieben erfolglos. Zwar wurde auch schon mal ein „nationaler Stammtisch“ abgehalten, doch außer im Landtagswahlkampf 2006 ließen sich die „Werwölfe Wismar“ kaum für politische Aktivitäten begeistern.

Philipp Schlaffer erklärt seinen Ausstieg aus dem Rechtsrockgeschäft auf der Seite seines Onlinehandels

Für Gewalt waren sie dagegen immer zu haben. Dass diese sich mitunter auch in den eigenen Reihen entladen kann, zeigte sich am 1. Januar 2007. Während eines Saufgelages in einer Wohnung im Stadtteil Wendorf kam es zwischen den betrunkenen Neonazis zum Streit, den einer von ihnen nicht überlebte. Über Stunden wurde er von seinen „Kameraden“ geschlagen, getreten und schließlich mit einem Messer erstochen. Sechs Personen, die meisten aus dem Umfeld des „Werwolfshops“, mussten sich dafür vor Gericht verantworten und wurden im Mai 2008 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Damit ging die Zeit der Wismarer „Werwölfe“ zu Ende. Schlaffer erklärte mehrfach seinen Rückzug und verlegte sich immer stärker auf Aktivitäten im kriminellen Milieu. Im Dezember 2008 gründete er zusammen mit anderen Neonazis den Motorradclub„Schwarze Schar“, der seit 2010 ein eigenes „Klubhaus“ in Gägelow vor den Toren Wismars besitzt. Die „Schwarze Schar“ gibt sich nach außen bewusst unpolitisch, kann und will aber die Herkunft vieler ihrer Mitglieder nicht verleugnen. Sie ist bis heute ein Paradebeispiel für eine Mischszene aus Rockern und Nazischlägern.

Bei Partys der Band "Vidar" waren auch immer Mitglieder der Freien Kameradschaft Wismar

Seit 2010 versucht sich nun die „Freie Kameradschaft Wismar“ an neonazistischer Politik in der Stadt. Im Januar 2011 etwa verteilte sie Flugblätter, in denen gegen das örtliche Flüchtlingsheim gehetzt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Kameradschaften schlossen sich in Wismar jedoch keine „Szeneneulinge“ zusammen, sondern wesentlich Personen mit einer bereits längeren Laufbahn in den einschlägigen lokalen Kreisen. So sind Überschneidungen zur Neonaziband „Vidar“ auffällig, die schon in den Jahren 2006 und 2007 öffentlich in Erscheinung trat. Einzelne Mitglieder der etwa zwanzigköpfigen Kameradschaft zeigten sich bereits 2001 bei Aufmärschen und ähnlichen Anlässen. Viele von ihnen orientierten sich in früheren Jahren am Jamelner Naziführer Sven Krüger, andere suchten den Kontakt zu Schlaffers „Werwölfen“. Dass Krüger und Schlaffer nicht unbedingt enge Freunde sind, galt in Wismar als offenes Geheimnis. Heute sind die Kameradschaftler ganz offensichtlich am Schulterschluss zur Regionalgruppe der NPD- Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ interessiert, mit der sie im Februar diesen Jahres Propagandaaktionen anlässlich des Jahrestages der Bombardierung von Dresden durchführten. Mittlerweile wird die „Freie Kameradschaft Wismar“ mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut: So übernahm sie bei einem einer rechten Demonstration im September 2010 in Schwerin ebenso den Schutz des Lautsprecherwagens wie beim diesjährigen Aufmarsch zum 1. Mai in Neubrandenburg. Zu solchen Anlässen treten die Neonazis gerne in Kapuzenpullovern auf, die ihre Zugehörigkeit zur Kameradschaft deutlich machen. Bei deren Herstellung stand ihnen ganz offensichtlich Astrid Bansemir zur Seite, die enge Kontakte zur Kameradschaft pflegt und längere Zeit als Kontaktperson der „ersten nationalen ‚Wunsch‘-T-Shirt-Druckerei im Weltnetz“ – „Druckmeister“ benannt war. Diese Internetseite ist wiederum dem umtriebigen Neonazi Ingo Knauf zu zurechnen.

Astrid Bansemir (links) ist ebenfalls Domaininhaberin der Homepage ttv88.de

Auch die „Freie Kameradschaft Wismar“ tritt immer wieder aggressiv auf. Mitglieder der Gruppe störten im Mai 2011 ein städtisches Demokratiefest, bevor ein Stand der LINKEN attackiert wurde. Als sicher gilt außerdem eine Beteiligung von Nazis aus der Kameradschaft an einem Angriff im Dezember 2010, als eine größere Gruppe Rechter Gäste einer Party im alternativen Kultur- und Wohnprojekt „Tikozigalpa“ anging und Scheiben des Hauses einwarf.

Teile der Freien Kameradschaft Wismar am 01. Mai 2012 in Neubrandenburg

Naheliegend ist auch eine Beteiligung der Kameradschaft an einem illegalen Aufmarsch im Mai diesen Jahres. Damals zogen etwa 40 mit weißen Masken vermummte und mit Fackeln bestückte Neonazis durch die Stadt und ahmten die Aktionen der sogenannten „Unsterblichen“ nach. Ideengeber für die Kampagne „Werde unsterblich“ war die Neonazi-Gruppierung „Spreelichter“, die wiederum dem mittlerweile verbotenen Netzwerk „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“ zuzuordnen ist. Inhalt ihrer Kampagne war der von Neonazis herbei halluzinierte „Volkstod“, der auch im Mittelpunkt des bevorstehenden Aufmarsches am 20. Oktober stehen soll.

Für Aufregung und Empörung sorgte in der Hansestadt vor wenigen Wochen auch eine weitere rechte Aktion: Über Nacht hatten Neonazis einen Großteil der in der Stadt verlegten „Stolpersteine“, die an das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus erinnern, mit Metallplatten überklebt. Auf diesen fanden sich Lebensdaten von SS-Männern und anderen Kriegsverbrechern.

Nordwestmecklenburg – vom rechten Entwicklungsland zur Schwerpunktregion

Wie überall im Bundesland gab es auch im Altkreis Nordwestmecklenburg seit Anfang der 1990er Jahre zahlreiche rechte Cliquen und kameradschaftsähnliche Gruppierungen, etwa in der ehemaligen Kreisstadt Grevesmühlen. Die örtliche rechte Szene fiel allerdings eher durch Gewalt als durch organisiertes, politisches Agieren auf. Im Jahr 1996 stand sie kurzzeitig überregional im Fokus, als in Lübeck ein verheerender rassistischer Brandanschlag verübt wurde, dem 10 Menschen zum Opfer fielen; dringend tatverdächtig waren damals vier junge Neonazis aus Grevesmühlen. Dass es trotz zahlreicher Beweise nie zu ernsthaften Ermittlungen gegen die vier kam, gilt bis heute als handfester Justizskandal.

Ansonsten zeigte die regionale rechte Szene jahrelang ein auch aus anderen Landstrichen bekanntes Bild: Es gab ein großes Potential an jungen Rechten, die ungestört auf der Straße Angst und Schrecken verbreiten konnten. So wurde das Gebäude des alternativen Vereins „Kultur und Toleranz“ (KUT) in Gadebusch immer wieder angegriffen und schließlich völlig verwüstet. Um aber ernsthaft Politik betreiben zu können, fehlte es den Neonazis an festen Treffpunkten und Kadern, die zur Bereitstellung von Angeboten und Impulsen für eine arbeitsfähige Organisierung fähig waren. Dieser Einschätzung widerspricht auch nicht, dass im Oktober 2008 in der Nähe von Grevesmühlen eines der größten Rechtsrockkonzerte in der Geschichte Mecklenburgs-Vorpommerns stattfand. Zu einem Konzert der „Lunikoff Verschwörung“ fanden sich damals mehr als 1.000 BesucherInnen ein. Allerdings sollte dieses Konzert ursprünglich in einem anderen Bundesland stattfinden, örtliche Strukturen spielten in Vorbereitung und Durchführung daher keine entscheidende Rolle.

Sven Krüger und David Böttcher bei der konstitierenden Sitzung des Landkreises Nordwestmecklenburg

Eine Sonderstellung in Nordwestmecklenburg nahm schon immer das winzige, zwischen Wismar und Grevesmühlen gelegene Dorf Jamel ein. Bereits Anfang der 1990er Jahre scharrte dort der damalige Nazi-Skinhead Sven Krüger „Kameraden“ um sich und ging gegen all jene vor, die seiner Vorstellung einer „national befreiten Zone“ im Wege waren. DorfbewohnerInnen wurden systematisch eingeschüchtert und Zugezogenen mehrfach die Wohnhäuser angezündet, bis sie das Dorf finanziell ruiniert wieder verlassen mussten. Jahrelang lebten die Neonazis um Krüger in Jamel in einem nahezu rechtsfreien Raum, den sie zu nutzen wussten: Schon 1992 feierten mehr als 100 von ihnen im Dorf den Geburtstag von Adolf Hitler. Im nahe gelegenen Wald fanden regelmäßig sogenannte „Wehrsportübungen“ statt, bei denen mit scharfen Waffen geschossen wurde. Der damalige Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Gägelow war einer der wenigen, der sich dem rechten Treiben entgegenstellte. Doch statt breiter Unterstützung durch politische VerantwortungsträgerInnen brachte ihm sein Engagement polizeiliche Ermittlungen ein. Weil er von staatlicher Seite nicht mit wirkungsvoller Unterstützung rechnen konnte, hatte er sich mit einem Jagdgewehr zur Selbstverteidigung bewaffnet.

Erst im Jahr 2007 versuchte die Landespolitik eher hilflos, auf die Situation im Ort zu reagieren. Der Innenausschuss des Landtages traf sich pressewirksam zur Sitzung in Jamel, doch geändert hat das wenig an der Situation im Dorf, in dem mittlerweile fast nur noch Neonazis lebten.

Das Logo von Abriß Krüger zeigt einen zerschlagenen Davidstern

Aus dem Skinhead Krüger war zwischenzeitlich ein Unternehmer geworden, der bei seinem Abrissunternehmen vor allem Neonazis einstellte – „Jungs für`s Grobe“ eben. Doch auch politisch blieb der mehrfach vorbestrafte und inhaftierte Krüger aktiv, seit 2006 immer stärker für die NPD. Er organisierte federführend deren Landtagswahlkampf in Nordwestmecklenburg und Wismar und trat 2009 für die Partei erfolgreich zur Kommunalwahl an. Gemeinsam mit dem damals ebenfalls in der Region lebenden David Böttcher vertrat er die NPD fortan im Kreistag Nordwestmecklenburg. Dieses Engagement wurde schließlich belohnt und Krüger in den Landesvorstand der Partei gewählt.

Ebenfalls im Jahr 2009 erwarb er ein ehemaliges Betonwerk im Grevesmühlener Industriegebiet. Nach umfangreichen Umbaumaßnahmen wurde dieses Gebäude im April 2010 als „Thinghaus“ eröffnet. Ein zwei Meter hoher, mit Stacheldraht versehener Bretterzaun umgibt seitdem das knapp 2000 Quadratmeter große Gelände der wenig einladenden „NPD-Festung“. Das „Thinghaus“ entwickelte sich schnell zu einem der zentralen Objekte der mecklenburg-vorpommerschen Neonazi-Szene.

Trotz "gelungener Infoveranstaltung" im Thinghaus marschierten nur wenige Nazis aus MV am 02. Juni im Hamburg

Mehrmals im Monat finden seitdem in dem Haus einschlägige Veranstaltungen statt. Nicht nur NPD und JN nutzen die Räumlichkeiten regelmäßig für interne Sitzungen und Schulungsveranstaltungen, sondern auch der sogenannte „Bundesordnerdienst“ der Partei. Konzerte, Liederabende und Faschingsfeiern werden nicht nur von Neonazis aus der Region besucht, sondern ziehen häufig auch Gäste aus anderen Bundesländern an. Mit Informationsveranstaltungen, Mobilisierungen zu überregionalen Aufmärschen und Vorträgen von „Zeitzeugen“ – gemeint sind frühere Mitglieder der SS und andere Vorbilder der Neonazis – versucht man sich an ideologischer Schulung. Darüber hinaus bietet das „Thinghaus“, in dem sich offiziell auch ein Bürgerbüro der NPD Landtagsabgeordneten Pastörs und Köster befindet, auch wichtige Infrastruktur. Nicht nur das Internetportal „MUP Info“ ist hier dem Papier nach ansässig, sondern auch die bundesweite NPD-Frauenorganisation „Ring nationaler Frauen“ und die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“, die das „Thinghaus“ bereits für ihr alljährliches Sommerlager nutzte.

Sven Krüger konnte sich am Erfolg „seines“ Szenetreffs jedoch nicht all zu lange erfreuen. Im Januar 2011 durchsuchte die Polizei sein Wohnhaus und weitere Immobilien und fand nicht nur eine Maschinenpistole samt Munition, sondern auch zahlreiche gestohlene Baumaschinen, mit denen der Bauunternehmer offensichtlich auch handelte. Dies brachte Krüger schließlich eine vierjährige Haftstrafe ein. Um das „Thinghaus“ hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst eine eigene Struktur gebildet, die sich selbst „Freundeskreis Thinghaus“ nennt und eng mit anderen rechten Zusammenhängen verflochten ist. Exemplarisch für diese Konstellation steht der ebenfalls in Jamel ansässige Jungnazi Tino Streif. Er ist nicht nur im „Thinghaus“ in zentraler Position aktiv, sondern auch bei den „Jungen Nationaldemokraten“. Gleichzeitig ist er Vorsitzender des im März 2012 gegründeten NPD-Kreisverbandes Nordwestmecklenburg und vertritt die Partei im Kreistag.

Silke Tinz (links) am 01. Mai 2011 verkleidete sich als Ministerpräsident Erwin Sellering (rechts)

Neben Angeboten für die eigene Szene bemühen sich die Neonazis vom „Thinghaus“ auch um Akzeptanz unter der Grevesmühlener Bevölkerung. So übernahmen sie das Konzept der „Kinderfeste“, das die NPD in anderen Regionen des Bundeslandes seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich praktiziert. Außerdem beteiligte sich ein knappes Dutzend von ihnen im Juni diesen Jahres am örtlichen Stadtlauf. Ungestört konnten sie sich mit Transparenten und einheitlichen „Thinghaus“-T-Shirts präsentieren, auf denen auch für „MUP Info“, die NPD, den „Pommerschen Buchdienst“ und „Abriss Krüger“ geworbenwurde. Neben Streif liefen u.a. die JN’lerin Julia Thomä und der Vater ihres Kindes, der ehemalige „Einheitsführer“ der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) Ragnar Dam, mit. Das langjährige HDJ-Mitglied Silke Tinz stand jubelnd am Rand.

Im Kreistag sitzt für die NPD neben Streif und seinem JN-Mitstreiter Alf Börm auch Janette Krüger. Sie engagiert sich nicht nur beim „Ring nationaler Frauen“ und bei der „Gemeinschaft Deutscher Frauen“, sondern führt nun auch das Abrissunternehmen ihres inhaftierten Ehemanns.

Als die beiden im August 2010 in Jamel heirateten, erschienen neben zahlreichen NPD-Funktionären aus MV auch etliche Mitglieder der „Division Deutschland“ der internationalen „Hammerskin Nation“, um ihrem „Bruder“ zu gratulieren. Das konspirative Netzwerk der „Hammerskins“ war es auch, das nach der Inhaftierung Krügers bundesweit um finanzielle Unterstützung für ihn und seine Familie warb und im Juli 2011 gar eine Solidaritätsparty unter dem Motto “Freiheit für Sven Krüger” in dessen Wohnort organisierte.

Dass im nahe gelegenen „Thinghaus“ immer wieder Bands auftreten, die den „Hammerskins“ zugeordnet werden, lässt allerdings vermuten, dass es ihnen nicht nur um Krüger, sondern auch ums Geschäft geht. Denn nicht erst seit dem Verbot der bundesdeutschen Sektion des ebenfalls international agierenden „Blood & Honour“- Netzwerkes gehören die „Hammerskins“ zu den ganz Großen im millionenschweren Rechtsrockbusiness.

Ebenfalls seit Jahren „im Geschäft“ ist Ingo Knauf. Der in Plüschow bei Grevesmühlen lebende Neonazi betreibt seit 2000 rechte Internetversände mit Namen wie „V7“ oder „TTV Versand“. Mittlerweile hat er ein nur schwer zu durchschauendes Geflecht aus Läden, Versänden und Musiklabels aufgebaut und setzt mit dem Verkauf von rechtem Lifestyle nach Einschätzung von SzenekennerInnen jährlich mehr als 500.000 Euro um.

In solchen Größenordnungen dürften sich die Aktivitäten der Nazirocker der „Schwarzen Schar“ noch nicht bewegen. Doch auch sie setzen auf Expansion in der Region. Im Jahr 2011 gründeten sie die Supportergruppe „Schwarze Jäger“, die sich ebenfalls hauptsächlich aus dem rechten Schlägermilieu rekrutiert. So sind unter diesem Label mittlerweile zahlreiche Mitglieder der rechten Clique „Division Krembs“ aktiv.

Im neuen Großkreis Nordwestmecklenburg hat sich in den vergangenen Jahre nahezu ungestört eine neonazistische Szene etabliert, die sich äußerst differenziert darstellt. Das „Thinghaus“ als einer der wichtigsten Treffpunkte in der Region und im Bundesland verbindet viele dieser expandierenden und zunehmend organisierten und ideologisierten Strukturen, während andere eigenständiger existieren und in ihren Geschäften von der Nähe zu Schleswig-Holstein und Hamburg profitieren. Wenn breiter gesellschaftlicher Widerstand weiterhin ausbleibt, ist ein Ende der Aufwärtsentwicklung der Neonazi-Szene in der Region nicht abzusehen.

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