Ambitioniert, doch überschaubar – Der Landesverband der „Jungen Nationaldemokraten“ in MV

JN MV im März 2010 in Lübeck: links am Transparent Jennifer Wiese

Seit Ende 2009 tritt der hiesige Landesverband der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) zunehmend öffentlich in Erscheinung. Wer sind die führenden Köpfe, welche Aktionen führen die „Kameraden“ durch und welche Bedeutung hat die Parteijugend im Bundesland?

Von der Gründung bis zum Neustart

Der Landesverband der „Jungen Nationaldemokraten“ in Mecklenburg-Vorpommern war nach Sachsen der zweite Ableger der NPD-Jugendorganisation in den neuen Bundesländern. Er wurde bereits 2005 mit dem beginnenden Wiederaufschwung der NPD unter Leitung der damaligen Kreisvorsitzenden von Rostock und Stralsund, dem aus Sachsen zugezogenen Roland Horn und Dirk Ahrendt, gegründet. Im Gegensatz zu Sachsen

Mai 2003 in Rostock: Roland Horn (2.v.l.) und der spätere JN-Aktivist Friedrich Tinz (1.v.r.)

entfaltete die hiesige Parteijugendorganisation abgesehen von einigen Lagern und Wanderungen aber nur wenig Aktivität und wurde scheinbar innerhalb der rechten Szene kaum angenommen. Dies änderte sich erst im späteren Verlauf des Jahres 2009 mit der Teilnahme an Aufmärschen, Bildungsveranstaltungen und eigenen Aktivitäten. Firmierten die Aktionen dabei zuerst unter ständig wechselnden Namen, so wurde ab 2011 kontinuierlich die Eigenbezeichnung „Junge Nationaldemokraten Mecklenburg und Pommern“ gewählt.

Alte Bekannte unter sich

Betrachtet man die personelle Zusammensetzung der hiesigen JN, dann fällt auf, dass sie nur in Mecklenburg im Westen des Bundesland vertreten ist. Die aktiven Mitglieder der JN MV lassen sich dort zwei Schwerpunktregionen zuordnen: zum einen dem Nordwestmecklenburger Raum und zum anderen der Region um Rostock.

JN-Teilnahme bei einer NPD Demo 2010 in Schwerin. Am Transpi Tino Streif (links), Julia Thomä (2.v.r.) und Alf Börm (rechts). In Zimmermannsklufft Sven Krüger aus Jamel.

Einer der führenden Köpfe in der Region Nordwestmecklenburg ist Alf Börm. Er stammt ursprünglich aus Niedersachsen und war dort bereits als Einheitsführer der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) aktiv. Das völkische Ziehkind ist Sohn von Manfred Börm, der für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung eine mehrjährige Haftstrafe verbüßte. Alf Börm kam zum Studieren nach Wismar und wohnt in Naschendorf bei Grevesmühlen. Der Jungnazi hat seit 2011 den JN-Landesvorsitz inne und inzwischen auch ein Mandat für die NPD im Kreistag von Nordwestmecklenburg. Ebenfalls in dieser Kommunalvertretung sitzt Tino Streif. Der gelernte Schlosser hat mit Alf Börm zusammen Maschinenbau studiert und besitzt ein Haus in Jamel. Er ist Kreisvorsitzender des neu gegründeten NPD-Kreisverbandes in Nordwestmecklenburg.

Weitere Aktivposten der JN in dieser Region sind Julia Thomä und Jennifer Wiese. Die seit langem aktive Thomä, die sich entgegen den Rollenvorstellungen der rechten Szene auch durch ihre Mutterschaft nicht von der politischen Arbeit abhalten lässt, stammt ursprünglich aus Sternberg und der dortigen Frauenkameradschaft „Sternberger

Julia Thomä zu Sternberger Zeiten (Brustaufdruck: halb Stadtwappen Sternberg, halb schwarze Sonne)

Nazissen“. Inzwischen wohnt sie in Schwerin. Wiese stammt aus Boizenburg, wo in den letzten Jahren wiederholt JN-Aktivitäten stattgefunden haben. Seitdem der Landesverband zunehmend wieder in Erscheinung tritt, ist sie regelmäßige Teilnehmerin an dessen Veranstaltungen.

In und um Rostock rekrutiert sich die JN hauptsächlich aus dem Umfeld der Rostocker Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“. Der sogenannte „Schulungsbeauftrage“ Daniel Fiß hat nach seinem Abitur an der Rostocker Borwin-Schule ein Studium in „Good Governance“ aufgenommen. Er ist das neue Gesicht der JN in Rostock und präsentiert sich auch bereitwillig im Mobilisierungs-Video zum Aufmarsch in Wismar.

Daniel Fiß (2.v.l.) am 01. Mai 2012 in Neubrandenburg hinter einem Transparent der "Nationalen Sozialisten Rostock"

 

Der vorher führende Michael Fischer hält sich nach der Affäre um Nadja Drygalla auffällig bedeckt. Seine angebliche Lösung von der Szene erscheint aber wenig glaubwürdig. Auch Danny Brandt ist vorerst zu Inaktivität verdammt: Er wurde unter anderem wegen eines Angriffs auf Polizeibeamte während eines Nazi-Konzerts zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, die er momentan absitzt.

In diesem Umfeld bewegen sich auch Marcel Prätorius und der ehemalige HDJler Friedrich Tinz. Der wegen seiner rechten Umtriebe unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassene Prätorius war bereits bei der lange entschlafenen Kameradschaft „Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock“ aktiv. Momentan läuft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen gewalttätiger Ausschreitungen am Rande des Pölchow-Prozesses. Eines der wenigen JN-Mitglieder im Raum Rostock, das nicht der NSR zugeordnet werden kann, ist Friedrich Tinz aus Satow, der auch während seines Studiums der Agrar-, Garten- und Forstwissenschaft in Neubrandenburg weiter in der HDJ aktiv war. Er musste sich vor Gericht für einen Angriff auf eine Journalistin verantworten und war bereits 2004 an der Durchführung eines JN-Infostandes in Bad Doberan beteiligt.

Ein nennenswerte Entwicklung wird durch den Zuzug von Sebastian Richter nach Groß Krams bei Ludwigslust angezeigt. Der stellvertretende JN-Bundesvorsitzende kommt ursprünglich aus Hoyerswerda und war dort führend im „Lausitzer Aktionsbündnis“ aktiv. In Brandenburg war er Mitglied der inzwischen verbotenen „Spreelichter“, die sich auch die Thematik des angeblich drohenden „Volkstods“ auf die Fahnen geschrieben hatten. Die Gruppierung gilt als Ideengeber für eine Kampagne unter dem Motto „Werde unsterblich“.

Sebastian Richter (rechts) am 01. Mai 2012 als Ordner

Neonazis, in einheitlicher schwarzer Kleidung und mit weißen Masken vermummt, zogen in den vergangenen Monaten illegal durch zahlreiche Kleinstädte und traten auch in Wismar auf. Als ehemaliges HDJ-Mitglied steht er für den eher völkisch geprägten Flügel innerhalb der JN und agiert als Bundesführer ihrer Unterorganisation „IG Fahrt und Lager“, in der sich diese Gruppe organisiert. Er ist im Bundesland kein Unbekannter und beteiligte sich bereits vor seinem Zuzug an zahlreichen Veranstaltungen und hielt Vorträge – auch zum Thema „Volkstod“.

Bildung, Aktivismus und Gemeinschaft“

Mit dem Motto „Bildung, Aktivismus und Gemeinschaft“ versucht die JN, die auch bei Kameradschaften üblichen Aktivitäten ideologisch zu überhöhen, und präsentiert sich als Elite der rechten Szene. Dabei wird mit Freizeitunternehmungen die eigene Gemeinschaft gestärkt, mit Vorträgen ideologische Schulung betrieben und mit öffentlichen Aktionen nach außen getreten.

In Mecklenburg-Vorpommern setzt die NPD-Jugendorganisation vorrangig auf Outdoor-Aktivitäten, um den Zusammenhalt zu stärken. Eine vom Bundesverband organisierte Segeltour im August 2011 führte pünktlich zum Wahlkampf nach Rostock. Mit dem Halt bei der Hanse Sail endete die einwöchige Fahrt mit einer Einladung dazu, die NPD vor der Landtagswahl zu unterstützen. Regionale Veranstaltungen sind seit mehreren Jahren im Landkreis Rostock zum Jahresende stattfindende Wanderungen und eine jährliche Kanu-Tour auf der Warnow bei Sternberg. Ein zentrale Rolle übernimmt dabei Julia Thomä, deren Eltern in Sternberg einen Zeltplatz mit angeschlossenem Kanu-Verleih besitzen.

Regelmäßig veranstaltet die JN Informationsveranstaltungen in Räumen der rechten Szene wie dem „Thinghaus“ in Grevesmühlen und dem „Kulturraum“ in Lübtheen. Als Redner traten meistens Sebastian Richter und Daniel Fiß auf, die manchmal auch durch ein prominentes NPD-Mitglied unterstützt wurden. Inhaltlich beschäftigen sich die Nachwuchsnazis dabei schon länger mit dem angeblich drohenden „Volkstod“. So hielt Richter einige Vorträge zur Thematik und Ende August 2011 gab es ein „Aktivistentreffen“ mit Gästen aus anderen Bundesländern.

Die hiesige JN beteiligt sich aber auch an öffentlichen Veranstaltungen, besucht zahlreiche Aufmärsche in MV oder im restlichen Bundesgebiet und präsentiert dort oft auch eigene Transparente. Exemplarisch seien für 2012 die Demonstrationen in Lübeck, Dresden, Magdeburg und Neubrandenburg erwähnt. Bei dem NPD-Aufmarsch am 1. Mai 2011 in Greifswald kam ihnen mit dem Tragen von Pappmasken von PolitikerInnen sogar eine zentralere Rolle zu. Sie führen aber auch für Kameradschaften typische eigene Aktionen wie das Verteilen von Flyern und – für solche Strukturen eher ungewöhnlich – eigene Infostände durch. So meldete Fabian Bendig, der inzwischen Mitglied der neu gegründeten „Kameradschaft Schwerin“ ist, im Mai 2011 im Schweriner Stadtteil Lankow einen JN-Infotisch zum Thema „Kinderarmut“ an, der mit Unterstützung der NPD durchgeführt wurde. Neben Julia Thomä, Daniel Fiß und Michael Fischer beteiligte sich auch der JN’ler Torsten Görke aus Sachsen-Anhalt. Neonazis von außerhalb nehmen oft an hiesigen Aktivitäten teil, im Gegenzug reisen die MecklenburgerInnen häufig zur Unterstützung der dortigen Strukturen in andere Bundesländer.

JN in Mecklenburg – Kaderschmiede oder Restekiste?

Es stellt sich die Frage, ob die JN in Mecklenburg-Vorpommern ihrem eigenen elitären Anspruch gerecht wird oder sie eher ein Sammelbecken derer ist, die sich in keiner eigenen Struktur zusammen finden können.

Schon der eigens gewählte Name „Junge Nationaldemokraten Mecklenburg und Pommern“ wird den Realitäten nicht gerecht, da der Verband in Vorpommern nicht in Erscheinung tritt. Dort existieren seit Jahren gewachsene und lokal verankerte Kameradschaftsstrukturen sowie rechte Nachwuchsorganisationen wie der „Jungsturm Pommern“ und der „Jugendbund Pommern“, die sich an ein ähnliches Klientel richten und somit JN-Strukturen in dieser Region überflüssig machen. Auch in Mecklenburg ist die JN nicht flächendeckend vertreten, sondern beschränkt sich auf Nordwestmecklenburg und den Rostocker Raum.

Die Ausgestaltung ihres Mottos „Bildung, Aktivismus und Gemeinschaft“ unterscheidet die Jungnazis kaum von anderen Kameradschaften. Allerdings weist die JN einen für die rechte Szene vergleichsweise hohen Bildungsgrad auf, der mit persönlichen Ambitionen der Mitglieder einhergeht. An der Übernahme wichtiger Posten in der NPD und der häufigen Unterstützung durch Parteifunktionäre zeigt sich die enge Verknüpfung mit der Mutterpartei. Anders als etwa in Sachsen-Anhalt oder Sachsen kann die hiesige JN mangels Dissonanzen mit der NPD klar als Parteinachwuchs eingeschätzt werden. Angesichts der Symbiose von „freien“ Kameradschaftsstrukturen und NPD im Bundesland und ihrer radikal nationalsozialistischen Einstellung ist dies jedoch nicht überraschend.

Somit ist die zukünftige Bedeutung der JN noch nicht abzuschätzen: Einige seit Jahren in der Szene aktive Neonazis bereiten sich erkennbar auf eine Karriere innerhalb der NPD vor. Landesweit nimmt die JN die Funktion einer Parteijugend jedoch nicht wahr und fungiert eher als ein Auffangbecken für engagierte rechte AktivistInnen, die sich in örtlichen Strukturen nicht wiederfinden. Auffallend ist auch der für die Szene recht hohe Frauenanteil.

Der Aufmarsch am 20. Oktober 2012 in Wismar wird die Position der JN innerhalb der rechten Gemengelage im Bundesland aufzeigen. Dort kann sich zeigen, ob sie sich mit innovativen Aktionen und eigenem Personal von der rechten Szene abgrenzen und zukünftige Relevanz reklamieren kann, oder ob sie trotz ihres elitären Dünkels auf deren Mobilisierungspotential und Demonstrationserfahrung angewiesen ist – also nicht mehr als ein Anhängsel der Mutterpartei und Auffangbecken für heimatlose AktivistInnen darstellt.

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