Elitärer Dünkel und politische Heimatlosigkeit

Geschichte, Ideologie und politische Praxis der „Jungen Nationaldemokraten“ innerhalb der deutschen Neonazi-Szene

Werden die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) in Mecklenburg-Vorpommern die Tradition einer Organisation fortführen, die seit Jahren von Selbstüberschätzung und politischer Heimatlosigkeit gekennzeichnet ist? Ihre Mitglieder verstehen sich nicht nur als Jugendverband der NPD, sondern vor allem als völkische Elite, „politische Soldaten“ und Vordenker eines revolutionären „Nationalen Sozialismus“. Seit Jahren existieren die JN jedoch nur am Rand der extremen Rechten und werden von unterschiedlichen rechten Strukturen für zum Teil gegensätzliche Aktivitäten genutzt.

Die 1969 gegründete Untergruppierung der NPD will sich als „Kaderorganisation der Nationalen Bewegung“ verstanden wissen. „Ein Kader der JN zu werden bedeutet, Elite der deutschen Volksgemeinschaft zu sein!“, heißt es großspurig im Selbstverständnis. Von der Mutterpartei und ihrem parlamentarischen Politikansatz distanziert sich die Gruppierung zwar regelmäßig, faktisch ist sie aber eng mit der Partei verknüpft: Ihr Vorsitzender ist zugleich Mitglied im NPD-Bundesvorstand, beim letzten Parteitag wurde darüber hinaus einer der JN-Vize in das Gremium gewählt.

Auf den Nationalsozialismus orientiert

Auch in der politischen Praxis unterscheidet sich die Gruppierung wenig von anderen rechten Strukturen: Ihre Aktivisten führen Infostände, Demonstrationen, Wanderungen oder Konzerte durch, verteilen Flyer oder widmen sich intern der Vermittlung nationalsozialistischer Ideologie. In Abgrenzung zur NPD versucht die JN radikaler aufzutreten, teilt mit einer Vielzahl ihres Personals jedoch die Orientierung auf den historischen Nationalsozialismus und die Reproduktion rassistischer, antisemitischer, nationalistischer oder sexistischer Ideologiefragmente. „Es gilt jetzt, den Kampf gegen die ‚Volkstodrepublik Deutschland‘ zu führen und sich aus diesem Konzentrationslager endlich zu befreien“, heißt es beispielsweise in der gegenwärtigen Kampagne gegen einen vermeintlichen „Volkstod“.

In der Vergangenheit konnte die Organisation punktuell immer wieder auf sich aufmerksam machen. Vor 20 Jahren etwa prägte sie das Schlagwort der „National Befreiten Zonen“ und schien damit rechter Alltagsgewalt einen ideologischen Überbau zu verleihen. Bei der Öffnung der NPD für die Neonazi-Szene Mitte der 1990er Jahre nahm die JN eine wichtige Scharnierfunktion ein: Über den sich als radikal gebenden Jugendverband konnten die wegen vieler Verbote heimatlos gewordenen Kader ideologisch und organisatorisch an die NPD herangeführt und in die Partei integriert werden. Sascha Roßmüller aus dem bayerischen „Nationalen Block“ etwa schaffte es 1999 bis an die Spitze der JN. Er folgte dabei Holger Apfel, der diesen Prozess vorangetrieben hatte und inzwischen zum NPD-Vorsitz aufgestiegen ist.

Bedeutungsverlust und Instrumentalisierung

Die Verjüngung und Radikalisierung der NPD wurde ihrer Jugendorganisation jedoch zum Verhängnis: Interessenten treten inzwischen ohne Umweg direkt in die Partei ein oder sind wie in Mecklenburg-Vorpommern über die aktiven und lokal orientierten Kameradschaften an die NPD gebunden. Den überregionalen wie auch in den Landesverbänden spürbaren Bedeutungsverlust konnten weder Roßmüller noch seine Nachfolger, der aus Greifswald stammende Stefan Rochow und Michael Schäfer aus Sachsen-Anhalt, aufhalten. Sicherheitsbehörden gehen inzwischen bundesweit von etwa 350 Mitgliedern aus, die Arbeit ist schwerpunktmäßig in einzelnen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt oder Sachsen konzentriert. In Mecklenburg-Vorpommern versuchen vereinzelte Neonazis seit 2010 tatkräftiger als in vorherigen Anläufen, den Landesverband wiederzubeleben.

Das mangelnde bundesweite Profil und die aus der Verstreuung resultierende Strukturschwäche haben dazu geführt, dass einzelne Gruppierungen und Netzwerke ihren Einfluss in der JN geltend machen konnten oder die Organisation für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. Daraus resultierende, zum Teil widersprüchliche Entwicklungen innerhalb der JN sind beispielhaft an den Landesverbänden Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie der „Interessengemeinschaft Fahrten und Lager“ zu erkennen.

So ist die Filiale der JN in Sachsen-Anhalt eine Gründung der vormals kameradschaftlich organisierten und radikalen Neonazi-Szene um die Akteure Michael Schäfer und Matthias Gärtner, heißt es in einer Analyse des Blick nach Rechts (1). Zielgerichtet führten sie von Verboten bedrohte rechte Strukturen in den Verband und arbeiteten mit Finanzen und Infrastruktur der Mutterpartei. Der wachsende Einfluss der Sachsen-Anhaltiner schlägt sich seit einigen Jahren in der Besetzung des Bundesvorstandes nieder: Schäfer ist seit 2007 Vorsitzender der JN, drei Jahre später bestimmte ihr Bundeskongress Andy Knape und Tobias Anders aus Sachsen-Anhalt zu einem seiner drei Stellvertreter bzw. zum Bundesgeschäftsführer. Die Bundesgeschäftsstelle der JN siedelten sie von Sachsen nach Sachsen-Anhalt über. Schäfer und Gärtner versuchten sich an Überlegungen über Aktivitäten im „vorpolitischen Raum“, standen deutlich für das Bündnis von NPD und radikaleren Neonazi-Kameradschaften und propagierten einen Kurs weg von einer Jugendorganisation der NPD hin zu einer „bundesweiten Formation politischer Soldaten“.

IG Fahrten und Lager: Völkische Politik in Anlehnung an die verbotene HDJ?

Obgleich sich auch Sebastian Richter für solche an die SA erinnernden Überlegungen interessieren dürfte, scheint sein Herz wesentlich für den völkischen Flügel der extremen Rechten zu schlagen. Der inzwischen im mecklenburgischen Groß Krams bei Ludwigslust lebende JN-Bundesvize ist gleichfalls Multifunktionär aus dem Kameradschaftsspektrum. Einen Schwerpunkt legte er jedoch auf die Tätigkeit in der 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“, die sich in Wehrsportlagern und Freizeiten der Indoktrinierung von Kindern und Jugendlichen mit nationalsozialistischem Gedankengut widmete. Nach dem Verbot trat er als Leiter der „IG Fahrten und Lager“ der JN auf, HDJ-Aktivisten übernahmen Posten innerhalb der Jugendorganisation (2). Diese Anknüpfung an die Praxis der HDJ bereitete der JN nicht nur Probleme mit den Sicherheitsbehörden, die Maßnahmen aufgrund der möglichen Fortführung der verbotenen Gruppierung einleiteten (3). Die radikale völkische Politik, die Propagierung abgeschotteter familiärer Netzwerke und die Ablehnung moderner Politik-Stile brachte diese Fraktion in Konflikt mit jenen Neonazis innerhalb der JN, die Anschlussfähigkeit an die rechte Szene und damit auch Aktivisten etwa der „Autonomen Nationalisten“ bewahren wollen.

In der NPD-Hochburg Sachsen ist dieser Konflikt innerhalb der Neonazi-Szene im Frühjahr 2012 eskaliert. Auch dort hatten Neonazis aus parteiunabhängigen Strukturen zielgerichtet ihre langjährige Kooperation mit der Partei vertieft und die JN wiederbelebt, der Leipziger Tommy Naumann wurde zum Landesvorsitzenden erhoben und von der NPD-Landtagsfraktion angestellt. Der elitäre Anspruch einiger Neonazis vertrug sich zwar mit dem Selbstbild der JN, nicht jedoch der politischen Praxis weiter Teile der rechten Szene und der Verschleierungstaktik der NPD. Spätestens, als durch antifaschistische Recherchen die Instrumentalisierung von NPD und JN als „NS-Ersatzorganisation“ und wüste persönliche Anfeindungen öffentlich gemacht wurden, war das bisherige zwar spannungsreiche, aber trotzdem funktionierende Miteinander der verschiedenen rechten Zusammenhänge nicht mehr tragbar. Naumann trat vom sächsischen JN-Vorsitz zurück und wurde von der Dresdener NPD-Fraktion gekündigt (4).

Folgenschwere Ambitionen

Vergleichbare Auseinandersetzungen hatten bereits der NPD-Landesverband Sachsen-Anhalt und die ihn prägende JN ein Jahr zuvor erlebt. Das enge Bündnis von Partei und Neonazi-Szene wurde der NPD nach der Veröffentlichung interner radikaler Wortbeiträge zum Verhängnis und verhinderte knapp den Einzug in den Landtag im Frühjahr 2011. Die folgende Krise innerhalb des Landesverbandes führte zum Rückzug der JN-Führungsfiguren aus der dortigen Parteispitze. Im Sommer trennte sich außerdem Matthias Gärtner von der Jugendorganisation und löste den „Nationalen Bildungskreis“ aus der JN, der einstmals mit dem Ziel der Schärfung des intellektuellen Profils angetreten war und den entschlafenen „Nationaldemokratischen Hochschulbund“ beerben sollte. Ein unglückliches Händchen offenbarte der JN-Vorsitzende Michael Schäfer zudem im Führungsstreit der NPD im Herbst 2011, als er zu ungeniert den ausgehenden NPD-Chef Udo Voigt zugunsten Holger Apfels verstieß. Der Bundesparteitag versagte ihm trotz der Fürsprache Apfels einen regulären Posten im Vorstand.

Auch der Versuch, völkische Aktivitäten innerhalb der JN durchzuführen, wird nicht mit der gleichen Intensität wie noch unmittelbar nach dem HDJ-Verbot betrieben. Von den Interessen verschiedener Neonazi-Netzwerke instrumentalisiert und in die Auseinandersetzungen innerhalb der rechten Szene verstrickt, ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die Sicherheitsbehörden einen fortdauernden Bedeutungsverlust der JN konstatieren. Einzig auf lokaler Ebene, wo sie ohne Ambitionen dem üblichen Alltagsaktivismus der Szene nachgeht und nicht mit anderen Gruppierungen wie NPD-Verbänden und Kameradschaften oder Politikkonzepten wie denen der „Autonomen Nationalisten“ konkurrieren muss, kann die Jugendorganisation sich konfliktfrei entwickeln. Ihre Potentiale sind aufgrund der Struktur der rechten Szene jedoch beschränkt, ihr elitärer Dünkel für Einsteiger in die Szene unattraktiv. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob der JN innerhalb des neonazistischen Milieus Mecklenburg-Vorpommerns eine Zukunft beschienen ist oder sie eine Nischenexistenz für jene Aktivisten und Karrieristen führen wird, die in anderen Gruppen keinen Platz finden.

Links

(1) Eine neue SA? Die Jungen Nationaldemokraten wollen radikale sowie intellektuelle Elite und Speerspitze der Nationalen Bewegung sein. 11.03.2009, http://www.bnr.de/content/eine-neue-sa-1

(2) Völkische Fußstapfen. Ehemalige Anhänger der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ sind heute bei den Jungen Nationaldemokraten oder auch im Ordnungsdienst der NPD aktiv. 04.11.2010, http://www.bnr.de/content/voelkische-fussstapfen

(3) Heimattreue IG Fahrt und Lager. Razzia bei Mitgliedern von Unterorganisation der Jungen Nationaldemokraten – ein für Ende Dezember geplantes großes Winterlager der völkischen Gruppe kann möglicherweise noch verhindert werden. 21.12.2010, http://www.bnr.de/content/heimattreue-ig-fahrt-und-lager

(4) Sachsen: “Interne Differenzen” zwischen NPD und “Freies Netz” eskalieren. 24.02.2012, http://gamma.noblogs.org/archives/885

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Ein Kommentar zu Elitärer Dünkel und politische Heimatlosigkeit

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